Wachstumsbewegungen

Wachstumsbewegungen

Konzentration und Expansion in embryonalen Wachstumsbewegungen

Die ersten Bewegungen des Menschen sind Wachstumsbewegungen des Embryos während seiner Entwicklung im Mutterleib. Diese Bewegungen sind morphologischer Natur und sind gekennzeichnet von Phasen, in denen der Embryo auf sich selbst zuwächst und solchen in denen er nach außen wächst: sich ‚ausstreckt’. Diese Dynamiken von Konzentration und Expansion können mit Erfahrungen von Autonomisierung/ Verselbständigung und Öffnung/ Kontakt/ Verbindung assoziiert werden.

Der Anatom und Embryologe Jaap van der Wal (vgl. van der Wal/Glöckler 2003) hat diese beiden Prinzipien in verschiedenen Stadien und auf verschiedenen Ebenen der embryonalen Entwicklung – von molekular über zellulär und organisch bis hin zu der für uns sichtbaren Ebene – aufgezeigt. Ein deutliches Beispiel ist in der vierten Woche, während der Delamination zu beobachten, in welcher eine Krümmungs- oder Konzentrationsbewegung des gesamten embryonalen Körpers erfolgt: Das kräftige schnelle Wachstums des Ektoderms wird von dem langsamen Wachstums des Entoderms ‚gebremst’, so dass es sich krümmt. Dieser Konzentrations-, Autonomisierungs- oder Verselbständigungsbewegung folgt im zweiten Monat eine Aufrichtungs- oder Erstreckungsbewegung: Durch das Auswachsen der Gliedmaßen ‚entrollen’ sich Becken und Kopf, so dass Becken, Wirbelsäule und Kopf übereinander angeordnet sind. Durch diese Entfaltungsbewegung öffnet der Fötus seine Vorderseite (Öffnung, Kontakt, Bindung). Gleichzeitig ziehen sich dabei die Organe in den Rumpf zurück (Verinnerlichung, Autonomisierung).

Parallel zu diesem Vorgang ist die morphologische Bildung der Extremitäten von dieser Dynamik geprägt. Während der Delamination wachsen die Extremitäten zunächst in Richtung Körperzentrum (Autonomisierung): sie wachsen über dem Herzen auf einander zu. Die Beine vollführen eine Supinationsbewegung, so dass die Füße zum die Nabel gerichtet sind. Der Wendeimpuls erfolgt in dem Moment, in dem sich der Kopf beginnt herauszuheben, und ein enormes Wachstum in den Extremitäten einsetzt, wodurch die Arme in einer Exorotation über den Kopf und die Beine durch eine Endorotation nach unten gestreckt werden (Erstreckung, Kontakt).

Diese Dynamik von Konzentration ‚nach innen gehen’ und Ausstrahlung ‚nach außen gehen’ prägen die gesamte morphologische embryonale und fötale Entwicklung des Menschen.

Den morphologischen Bewegungen folgen die physiologischen. Die beschriebene Bewegungsdynamik findet sich auf verschiedenen physiologischen Ebenen: Auf organischer Ebene findet sie sich als zusammenziehende und ausdehnende Impulsen als erstes in der rhythmischen Bewegung des Herzens ab dem 21. Tag. Auf der motorischen Ebene findet sie sich in den Bewegungen der Extremitäten, welche sehr genau die morphologischen Bewegungen nachzeichnen: ein physiologisches Strecken und Beugen der Extremitäten erfolgt auf den gleichen ‚Bewegungstrajektorien’ wie die Wachstumsbewegungen bei ihrer Entstehung. Die Phasen von Konzentration und Ausdehnung sind auch nach der Geburt in der Spontanmotorik von Neugeborenen zu finden.

Referenzen

  • Aßmann B, (2010): Übereinstimmung und Neugier als Voraussetzung der Entwicklung: Bewegungsorganisation von Neugeborenen in Autonomie und Verbindung. In Wulf C & Gebauer K (eds), Bewegung und Emotion, Paragrana 19/1. Berlin, Akademie.
  • Blechschmidt E (1960): Die vorgeburtlichen Entwicklungsstadien des Menschen: eine Einführung in die Humanembryologie. Karger.
  • Van der Wal J /Glöckler M (2003): Dynamische Morphologie und Entwicklung der menschlichen Gestalt. Freie Hochschule für Geisteswissenschaft, Dornach.