Geburtstraumatisierungen

Geburtstraumatisierungen

Traumatisierung von Mutter und Kind während der Geburt

Prävalenz

30% aller Frauen beschreiben die Kindsgeburt als traumatisch. Die Prävalenz von ernsthaften postpartalen traumatischen Stressantworten liegt bei ca. 10%, von PTBS Symptomen zwischen 3,1% allgemein und 15.7% in Risikogruppen, und von einer chronischen PTBS bei ca. 2%.1,2 Erhebungen in den USA zufolge erfüllen 9% aller Frauen die PTBS-Kriterien, zusätzliche 18% zeigen PTBS-Symptome und es wird angenommen, dass weitere 21% die PTBS-Kriterien vermutlich für eine bestimmte Zeit erfüllen.3

Ursächliche Faktoren2-4

Neben Prädispositionen wie psychischen Gesundheitsrisiken wie psychosozialen Problemen, Ängstlichkeit und vermeidenden Bindungsmustern sowie vorhergehenden traumatischen Lebenserfahrungen wurden folgende Faktoren im Zusammenhang mit postpartaler PTBS gefunden: die präpartalen Umstände wie z.B. Geburtsangst und gering empfundene präpartale Unterstützung, die Geburtsumstände wie extreme Schmerzen während der Wehen, Geburt oder danach, vaginale Untersuchungen und Nacktheit, Präeklampsie, hochgradige medizinische Interventionen oder Komplikationen wie Zangen- und Saugglockengeburten und Notkaiserschnitte, Frühgeburt, Aufenthalt auf der neonatalen Intensivstation und die Geburt als Gesamterfahrung (mangelnde Kohärenz zwischen antizipierter und tatsächlicher Geburt) sowie die subjektiven Faktoren während der Geburt wie Gefühle der Hilflosigkeit, Kontrollverlust und Ohnmacht, empfundener Mangel an Versorgung durch die Familie oder bedeutsame andere, empfundener Mangel an Unterstützung oder negative Haltung der geburtshilflichen Belegschaft, Angst des eigenen oder kindlichen Tods, Art und Weise als auch Umfang der postpartalen Versorgung, Erlebnisse der Demütigung, Vergewaltigung oder Entmenschlichung und die Ablehnung des geburtshilflichen Personals.

Auswirkungen2-4

Traumatische Symptome umfassen Intrusionen, fehlangepasste Überzeugungen, Vermeidungs- und Abwehrstrategien, Wiedererleben der traumatischen Situation, emotionale Taubheit und Erregung, Übererregung, Flashbacks und Albträume, Dissoziationen, Gefühle von Bedrohung, Scham, Wut und Angst, sexuelle Vermeidung, Geburtsangst, gestörte Mutter-Kind-Bindung, überängstliche und –beschützende Elternschaft, physische und emotionale langzeitliche Gesundheitsprobleme,  Stillschwierigkeiten, Getrenntheitsgefühle zu Kind oder Partner/in, der Wunsch keine weiteren Kinder zu bekommen, Überzeugungen des Mangels an Kontrolle über Entscheidungen während der traumatischen Geburt, Empfindungen des Erlebnisses als gewaltsam und missbräuchlich und einem Ungleichgewicht der Machtverhältnisse, Schuldzuweisungen für Emotionen und Schmerzen zum Baby, Gedanken dem Kind etwas anzutun bzw. überwältigende Bedürfnisse das Kind zu beschützen und dysfunktionale und negative Annahmen und Grundüberzeugungen sich selbst und die Welt betreffend. Die Auswirkungen postpartaler PTBS auf die partnerschaftliche Beziehung zeigen eine Verringerung der Paarbeziehungsqualität, wie eine Abnahme an Kommunikation, Berührungsbedürfnis und Sexualität; negative Veränderungen des physischen Wohlbefindens, der Stimmung, sexuelle Dysfunktionen, Uneinigkeiten, Schuldzuweisungen bzgl. des Geburtsverlaufes und die Angst vor zukünftigen Geburten. Auswirkungen auf die Eltern-Kind-Bindung zeigen sich einschließlich früher Zurückweisung und späteren unsicheren Bindungen. Berichtete Bewältigungsstrategien sind die Vermeidung des Kindes, was zur Beeinträchtigung der Kindesfürsorge führt, Vermeidung von Sexualität und folgenden Schwangerschaften bzw. Schwangerschaftskonflikten und –abbrüchen sowie der Bitte nach „nicht indizierten“ Kaiserschnitten in folgenden Schwangerschaften. Die WHO5 berichtet mütterliche psychologische Probleme als signifikante indirekte Ursache für den mütterlichen Tod im ersten Jahr nach einer Geburt.

Traumatisierung des Babys

Neben den Auswirkungen einer traumatisierten Mutter auf das Kind und die kindlichen Bindungserfahrungen sowie der potentiellen Traumatisierung des geburtshilflichen Personals,6 ist zunehmend die direkte Traumatisierung des Babys im Blick: Während neonatale Geburtstraumen sich klassischerweise ausschließlich auf physische Verletzungen wie z.B. Frakturen oder Blutungen bezogen,7 wird inzwischen insbesondere im Bereich der pränatalen Psychologie und Psychotherapie angenommen, dass die Geburt für das Kind wie für die Mutter traumatisch sein kann und dementsprechend ähnliche physische und psychische PTBS-Symptome auftreten, welche sich möglicherweise bis ins Erwachsenenalter auswirken. Wird erkannt, wie sich diese Symptome bei Babys äußern, wie z.B. das „grundlose“ Schreien der sogenannten Schreibabys, können sie entsprechend begleitet werden und zu einer gesunden „Entladung“ traumatisch aufgebauter Spannung führen bzw. zur Vervollständigung unterbrochener Geburts- und Bindungsimpulse.8-10 Dies erspart weitreichende Folgen für das spätere Leben.

Referenzen

  1. Ayers, S. (2004). Delivery as a traumatic event: prevalence, risk factors, and treatment for postnatal posttraumatic stress disorder. Clinical Obstetrics and Gynecology47(3), 552-567.
  2. James, Stella. “Women’s experiences of symptoms of posttraumatic stress disorder (PTSD) after traumatic childbirth: a review and critical appraisal.”Archives of women’s mental health 18.6 (2015): 761-771.
  3. Vesel, J., & Nickasch, B. (2016). An Evidence Review and Model for Prevention and Treatment of Postpartum Posttraumatic Stress Disorder.Nursing for women’s health19(6), 504-525.
  4. Simpson, M., & Catling, C. (2015). Understanding psychological traumatic birth experiences: A literature review. Women and Birth.
  5. World Health Organization (WHO). (2008). Millennium development goal 5: Improving maternal mental health. Geneva, Switzerland.
  6. Beck, C. T., & Gable, R. K. (2012). A mixed methods study of secondary traumatic stress in labor and delivery nurses. Journal of Obstetric, Gynecologic, & Neonatal Nursing41(6), 747-760.
  7. Moczygemba, C. K., Paramsothy, P., Meikle, S., Kourtis, A. P., Barfield, W. D., Kuklina, E., … & Jamieson, D. J. (2010). Route of delivery and neonatal birth trauma. American journal of obstetrics and gynecology202(4), 361-e1.
  8. Evertz, K., Janus, L., & Linder, R. (Eds.). (2014). Lehrbuch der Pränatalen Psychologie. Mattes Vlg.
  9. Levine, P. A., & Kline, M. (2010). Trauma through a child’s eyes: Awakening the ordinary miracle of healing. North Atlantic Books.
  10. Harms, T. (2000) Auf die Welt gekommen. Die neuen Baby-Therapien. Ulrich Leutner Verlag, Berlin.