Gesellschaftlicher Hintergrund

Gesellschaftlicher Hintergrund

Situation von Kindern, Eltern und geburtshilflichen Fachkräften in unserer Gesellschaft

Gesellschaft

Die Zahl von Erkrankungen wie z.B. Herzerkrankungen, Schlaganfällen, Diabetes, Adipositas, metabolischem Syndrom, Osteoporose und Krebs steigen stetig. Diese Erkrankungen sind nachweislich mit pränatalen Erfahrungen assoziiert.

Psychologische Betrachtungen zeigen, dass die Zahl von Menschen, die sich in psychologische Behandlungen begeben stetig steigt und auch Kriminalitätsbereitschaft und der Konsum von Drogen und Psychopharmaka zeigen steigende Tendenzen. Diese Phänomene sind mit den Grundbedürfnissen des Menschen nach Zugehörigkeit, Selbstwirksamkeit, Urvertrauen assoziiert. Die Anlage dieser Grundgefühle geschieht im Mutterleib. Hier erlebt das Kind rein physiologisch die Verbindung mit dem mütterlichen Körper (Zugehörigkeit), wächst täglich über sich hinaus (Selbstwirksamkeit) und tut dies auf seine ureigenste Weise im geschützten Raum des mütterlichen Körpers (Urvertrauen).

Die Art und Weise wie diese Grundgefühle angelegt sind, hat damit zu tun, wie zugehörig, selbstwirksam und selbstvertrauend die Mutter sich während Schwangerschaft und Geburt erlebt, da dies vom Kind wahrgenommen und übernommen wird und wie angenommen, versorgt und erwünscht sich das Kind von den Eltern fühlt. Es ist die “Umgebung Mutter”, die bestimmt, wie sich das Kind später in seiner “Umgebung Welt” fühlt. Für gesunde Kinder bedarf es gesunder Umgebungsbedingungen und diese zu schaffen ist eine große Chance: Glückliche, ihre Kinder liebende Mütter.

Das Wichtigste in unserer Gesellschaft ist, dass wir die Verbindungen zwischen Eltern und Kindern schützen müssen. Nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Eltern, denn sie brauchen das, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Ohne tiefe Bindung ihrer Kinder an sie können sie sie nicht erziehen.
(…) Und eine weitere Schlüsselfunktion liegt in Empfindsamkeit. Und genau das alles verlieren Kinder heutzutage. Wir müssen dem daher unbedingt wieder Priorität einräumen. Wir könnten viel Zeit mit Wissenschaft verbringen, aber wenn man das Vorhergenannte Eltern erfolgreich vermitteln will, dann kann man es ganz einfach in folgende intuitive Worte fassen: Gute Beziehungen und offene Herzen.

aus Vortrag Prof. Gordon Neufeld, Frankfurt, 2007

Kinder

Jedes fünfte Kind zeigt psychische Auffälligkeiten und jedes sechste Kind wird als entwicklungsverzögert diagnostiziert. Diese Auffälligkeiten und Verzögerungen sind nachweislich mit pränatalen Erfahrungen assoziiert. Kinder mit Entwicklungsstörungen zeigen verminderte Schulreife und größere Risiken für geringere Schulleistungen. Verzögerungen in einem Bereich wirken sich gewöhnlich kaskadenartig auf andere Bereiche der kindlichen Gesundheit und Entwicklung aus mit weitreichenden Auswirkungen auf akademische Leistungen, Gesundheit und zukünftige Möglichkeiten. Die Grundvoraussetzung für gelingende Bildungsprozesse sind das Erfüllt-Sein der Grundbedürfnisse wie Zugehörigkeit, Selbstwirksamkeit und Autonomie bzw. sichere Bindung. Diese Prozesse beginnen sehr früh: Eizelle und Spermium tragen emotionale Gedächtnisse aus den elterlichen Körpern in Form von epigenetischen Mustern. Während Verschmelzung, Einnistung und gesamter Entwicklung ist der wachsende Organismus hochsensitiv für seine Umgebung und baut alle Erfahrungen in seine Strukturen ein. Insbesondere die Gefühlslagen seiner Eltern und die Qualität ihrer Zuwendungen. Diese sind Voraussetzung für die physische und psychische Gesundheit. In Verbindung mit dem mütterlichen Körper erlebt das Kind die Geburt auf der Basis der Qualität der pränatalen Wachstumszeit als eine Selbsterfahrung von Loslösung in Verbindung. Diese Erfahrungen sind die Grundlage späterer Beziehungen und Beruf. Daher bedarf diese besonders sensitive Zeit der bestmöglichen Fürsorge. Sind in dieser Zeit traumatische Erlebnisse wie z.B. Schwangerschaftskonflikt, verdächtige Befunde, Verlust wichtiger Personen, Kaiserschnitt o.a. so bedarf es der emotionalen oder therapeutischen Begleitung bzw. zeitnahen Aufarbeitung für eine bestmögliche Weiterentwicklung. Dies ist prinzipiell zu jeder Zeit möglich. Je näher die Aufarbeitung auf die Traumatisierung erfolgt, desto leichter ist es in der Regel. Eine noch einfachere Möglichkeit ist die Prävention: die Vorbereitung von Eltern vor der Konzeption und eine gute Begleitung während Schwangerschaft, Geburt und ersten Lebensjahren, in welchem der kindliche Körper noch sehr in Entwicklung, plastisch und durchlässig ist, bietet eine große Chance.

Eltern

Unter werdenden Eltern herrscht derzeit eine große innere Verunsicherung, die sich an der Suche nach äußerer Versicherung wie der übermäßigen Inanspruchnahme von Ultraschall- und CTG-Untersuchungen zeigt, welche die Empfehlungen der Mutterschaftsrichtlinien (MSR) weit überschreiten. Stress, Angst und Depression während und nach der Schwangerschaft sind weit verbreitet. Es bedarf der inneren Sicherheit und des Vertrauens in die eigenen Gefühlswahrnehmungen:

  1. in die Wahrnehmungsfähigkeit der Gesundheit des eigenen Körpers und desjenigen des werdenden Kindes: Schwangerschaft ist dem weiblichen Körper genauso in die Wiege gelegt, wie z.B. Nahrungsaufnahme, Verdauung und Ausscheidung. Diese Prozesse werden im allgemeinen als gesund angenommen und ein Arzt wird erst dann zusätzlich zu den empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen aufgesucht, wenn Beschwerden auftreten.
  2. in die Bindungsfähigkeit zum Kind: Die Wahrnehmungsfähigkeit eigener Gefühle im Körper und die Verbindung zum eigenen Körper sind die Voraussetzung für die gefühlte Wahrnehmung und Verbindung zum Kind. Fehlt dieses, so fehlt eine Gefühlsverbindung zum Kind und es entsteht ein Bedürfnis nach einer Bestätigung durch äußere Hilfsmittel wie z.B. Ultraschall, die jedoch keinesfalls die Gefühlsverbindung ersetzen sondern sie eher noch mehr schwächen.
  3. in die eigene Gebärfähigkeit: Die Geburt eines Kindes ist ein natürlicher Vorgang, der unter heutigen Umständen mit der Möglichkeit medizinischer Versorgung kein Grund zu Sorge, Angst oder eines Gefühls des Krank-Seins gibt.

Diese Unsicherheiten und Ängste verursachen bei Eltern Stress, Depression und Ängstlichkeit und beeinträchtigen die kindliche emotionale und kognitive Entwicklung bis ins Erwachsenenalter. Gleichzeitig werden die Gefühle von Unsicherheit und Angst als Mangel an Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten an die Kinder weitergegeben. Darüber hinaus erleben sie bei einer Geburt, in der Eltern keine stärkende Selbstkompetenz erfahren, eine Schwächung ihrer eigenen Lebenskompetenz, des Vertrauens in ihre Umgebung, ihre Eltern und sich selber. Dies wirkt sich sowohl auf die psychische als auch die physische Gesundheit aus.

Geburtshilfliche Fachkräfte

Die Entwicklungen der medizinischen Versorgung der letzten Jahrzehnte bewahrt das Leben von Müttern und Kindern auf großartige Weise und geburtshilfliche Fachkräfte begleiten Eltern und Kinder mit Kompetenz, Hingabe und bestem Wissen und Gewissen. Gleichzeitig weisen die wachsende Kaiserschnittrate und die zunehmende Anzahl von Untersuchungen und Hilfsmittel, die weit über die MSR Empfehlungen hinausgehen darauf hin, dass geburtshilflichen Fachkräften keine Zeit oder keine selbstermächtigenden Alternativen für die Beantwortung der Versicherungsbedürfnisse der Eltern zur Verfügung stehen. Es bedarf der eigenen inneren Sicherheit und des eigenen Vertrauens in Gefühlswahrnehmungen, so dass diese bei Eltern von geburtshilflichem Personal unterstützt werden können. Es bedarf der Zeit und der Integration von Kompetenzen der emotionalen Begleitung, des Erkennens der Bedürfnisse von Schwangeren bezüglich Bindungsversicherung zum Kind oder eines Kaiserschnitts aufgrund von Geburtsangst als auch des selbstermächtigenden Umgangs mit diesen Bedürfnissen in die Ausbildung geburtshilflicher Fachkräfte.

Informationen über die Auswirkungen prä-, peri- und postnataler Erlebnisse auf die physische und psychische Gesundheit der Kinder zusammen mit Möglichkeiten Eltern selbstermächtigend zu begleiten sind eine große Chance, da geburtshilfliche Fachkräfte für Schwangere während Schwangerschaft und Geburt die ersten Ansprechpartner/innen sind, die durch einfühlsame Kommunikationsfähigkeiten heilsame prägende Bindungs- und Ermächtigungserlebnisse für Eltern und Kinder bereiten können.